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Wer waren eigentlich die Kastraten?

Wer waren eigentlich die Kastraten? 

Die Kastraten hatten einst einen ähnlichen Stellenwert wie Popstars heute. Die Sänger füllten die großen Opernhäuser in Europa, wurden vom Publikum verehrt und gefeiert und so manchem Zuhörer trieb die helle, glasklare Stimme Tränen der Rührung in die Augen. Die Kastraten badeten sich gerne in dem Ruhm und genossen ihren Reichtum. Aber sie zahlten dafür auch einen sehr hohen Preis.

 

 

Nun wird sich der eine oder andere aber vielleicht fragen: Wer waren eigentlich diese Kastraten? Die Antwort darauf liefert der folgende Beitrag:   

 

Der Ursprung der Kastraten

Kastraten waren Sänger mit einer hohen, knabenhaften Stimme. Der einzige Weg, die helle Stimme auch über den Stimmbruch hinaus zu erhalten, war eine Kastration. Auslöser für die Begeisterung, Männer mit knabenhaften Stimmen singen zu hören, war allerdings nicht der Geschmack des barocken Publikums. Die Wurzeln liegen vielmehr in katholischen Kirchenchören.

Der harmonische, alle Stimmfarben umfassende Klang eines Kirchenchores war früher sehr wichtig, denn je besser der Chor sang, desto höher fielen die Spenden aus. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurde dann aber eine päpstliche Anordnung erlassen, die es Frauen verbot, in katholischen Kirchenchören zu singen. Also musste eine andere Lösung her.

Diese bestand darin, Kastraten die Frauenstimmen singen zu lassen. Im Zeitalter des Barock und ganz besonders in der Oper erlebte der Kastratengesang dann schließlich seinen Höhepunkt. Die Kastraten wurden zu gefeierten Superstars und ihr großer Erfolg regte die Komponisten dazu an, Opern speziell für die hellen Kastratenstimmen zu schreiben.  

 

Der Ablauf einer Kastration

Der Erfolg und Ruhm der Kastraten löste eine regelrechte Kastrationswelle aus. Unzählige Eltern ließen ihre Söhne kastrieren, in der Hoffnung, den nächsten großen Opernstar auf den Weg zu bringen. Allerdings war die Kastration seinerzeit offiziell verboten. Aus diesem Grund nahmen meist Barbiere den Eingriff vor. Eine Ausbildung dafür hatten sie üblicherweise nicht und als Operationssaal dienten irgendwelche dunklen Hinterzimmer.

Die Jungen bekamen eine Betäubung und anschließend wurden ihre Samenstränge durchtrennt. Die laienhafte Vorgehensweise und die fehlende Hygiene führten dazu, dass gerade einmal die Hälfte der Jungen den Eingriff überhaupt überlebte. Diejenigen, die die Kastration überstanden, wurden aber keineswegs alle zu erfolgreichen Opernstars.

Fehlte das musikalische Talent, konnte daran nämlich auch der Schnitt mit dem scharfen Messer nichts ändern. So kam es, dass nur etwa fünf Prozent aller Kastraten ihren Lebensunterhalt mit dem Gesang verdienen konnten. Trotzdem ließen sich viele Eltern nicht von ihrer Idee abbringen. Um das Kastrationsverbot zu umgehen und ihre Kinder an den Opernhäusern unterzubringen, erfanden die Eltern immer wieder neue Unfallgeschichten, die die angeblichen Ursachen für die Kastrationen gewesen sein sollten. 

 

Die Folgen einer Kastration

Eine Kastration hatte für den Körper weitreichende Folgen. Da sich der Hormonhaushalt durch die durchtrennten Samenstränge veränderte, entwickelten sich die sekundären Geschlechtsmerkmale während der Pubertät nicht weiter. Dadurch blieben einerseits der Stimmbruch aus und die helle Knabenstimme erhalten.

Andererseits waren Kastraten zeugungsunfähig und ihre Libido war stark beeinträchtigt. Hinzu kam, dass das Wachstum anders verlief als bei einem Nichtkastrierten. So wuchsen die Gliedmaßen der Kastraten enorm in die Länge, was ihnen ungewöhnliche Körpergrößen bescherte.

Die Stimmbänder wuchsen jedoch nicht mit. Das Ergebnis davon war, dass die kurzen Stimmbänder hohe, klare Töne erzeugten, die durch den großen Brustkorb als Resonanzkörper voluminös klangen. Im Alter neigten viele Kastraten dann aber unter einer extrem ausgeprägten Fettleibigkeit. 

 

Die Begeisterung für den Kastratengesang

Der Barock und der Kastratengesang sind fest miteinander verbunden. Die Sinnlichkeit und alles Schöne standen im Vordergrund und wurden in rauen Mengen genossen. Kaum eine Sinnesfreude konnte dem Adel und dem Klerus intensiv genug sein. Der Dreißigjährige Krieg und Erkrankungen wie die Pest riefen den Menschen immer wieder die Vergänglichkeit ihres Seins und den Tod in Erinnerung.

Wer es sich leisten konnte, versuchte deshalb, seine begrenzte Lebenszeit so schön wie nur möglich zu gestalten. Das Stichwort Vanitas beschreibt das Denken und Verhalten der Menschen im Zeitalter des Barock. Vanitas steht für Eitelkeit und leerer Schein.

Je bewusster den Menschen die Endlichkeit ihres Lebens wurde, desto größer wurde ihr Verlangen nach Lust und Sinnlichkeit. Ein Ausdruck davon war die Begeisterung für den Kastratengesang. Die hohen, hellen, fast übernatürlich schönen Stimmen sollten die Zuhörer in eine Phantasiewelt entführen und die Sinnlichkeit spürbar machen. Augenscheinlich erzielte der Gesang der Kastraten auch genau diesen Effekt und so wurde das Angebot mit zunehmender Nachfrage immer größer. Wie es den Kastraten dabei ging, spielte keine Rolle. 

 

Das Seelenleben der Kastraten

Auf den Bühnen der Opernhäuser wurden die Kastraten gefeiert. Die Adelshäuser überschlugen sich mit Exklusivverträgen, die mehr als großzügig vergütet wurden. Die Kastraten genossen den Ruhm, das Ansehen und den Reichtum. Einige von ihnen fühlten sich in ihrer Rolle nicht nur wohl, sondern waren so sehr von sich überzeugt, dass sie sich dem Publikum gegenüber wie eitle Diven verhielten.

Aber die große Bewunderung war nur oberflächlich. Fernab der Bühnen wurden die Kastraten aufgrund ihres ungewöhnlichen Aussehens als exotische und schaurige Wesen betrachtet, nicht selten sahen sie sich regelrechter Verachtung ausgesetzt.

Im Alter, wenn die Musikkarriere beendet war, stellten sich oft Depressionen ein. Den Kastraten wurde bewusst, dass sie gesellschaftlich gesehen echte Außenseiter waren und der Blick in den Spiegel war oft wenig erfreulich. Hinzu kamen die Folgen des zerstörten Hormonhaushalts, die die Psyche zusätzlich belasteten.  

 

Countersoprane heute

Mit dem Ausklingen des 18. Jahrhunderts endete auch die Hochzeit des Kastratengesangs in der Oper. In Kirchenchören sangen Kastraten noch bis ins frühe 20. Jahrhundert. Inzwischen sind Kastraten nur noch auf ein paar alten Platten zu hören, die die Zeit überlebt haben. Im Unterschied zu früher in Italien, wo die Kastration offiziell verboten war, ist sie heute in Deutschland erlaubt.

Allerdings darf sie nur dann vorgenommen werden, wenn der Betroffene älter ist als 25 Jahre und den Eingriff ausdrücklich wünscht. Hintergrund hierfür ist ein Gesetz, dass es Sexualstraftätern erleichtern soll, ihren Sexualtrieb durch eine freiwillige Kastration in den Griff zu kriegen.

Im Gesang ist die Kastration hingegen überflüssig geworden. Spezielle Techniken und ein intensives Training ermöglichen es nämlich, ähnlich hohe Stimmlagen zu erreichen. Sänger, die diese Gesangstechniken beherrschen, werden als Countersoprane bezeichnet.

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